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Geschrieben von: Administrator   
Donnerstag, den 22. April 2010 um 17:01 Uhr

Traurig aber wahr

Kampf um einen Fuchs verloren
Tierquälerei in Stuttgart

Stuttgart - Als Toni Weber einen gepeinigten Fuchs in ihrem Garten entdeckt, will sie das Wildtier von der 364 Gramm schweren Glocke befreien, die an seinem Hals baumelt. Für die Stuttgarter Zeitung erzählt die pensionierte Lehrerin, was sie in den vergangenen elf Monaten erlebt hat.


Es war ein wunderschöner Frühlingstag, Anfang Mai vergangenen Jahres. Ich war gerade dabei, Gänseblümchen einzupflanzen, meine Katzen Lucy und Bessie schlichen auf Samtpfoten durchs hohe Gras, als ich ihn zum ersten Mal sah. Am Rand des Tomatenbeets lag der Fuchs friedlich in der Sonne. Ich war nicht überrascht, denn Füchse stromern seit vielen Jahren regelmäßig durch meinen Garten in der Plettenbergstraße. Doch als sich das Tier erhob, traute ich meinen Augen nicht: um seinen Hals hing an einer Eisenkette eine große Glocke. Das Geläute hatte ich seit einiger Zeit gehört, nie wäre ich jedoch auf die Idee gekommen, dass es von einem Fuchs stammt. Ich beschloss sofort: das arme Tier muss von der Glocke befreit werden. Denn sonst würde es womöglich jämmerlich verhungern, es konnte ja nicht mehr selbst jagen.


Ich rief bei der Polizei an. Der Beamte meinte, eine Anzeige gegen unbekannt wäre ohne Beweis nicht möglich. Zumindest ein Foto des gepeinigten Fuchses müssten wir vorlegen. Vermutlich hielt er mich für eine Spinnerin, was ich ihm nicht verübeln kann angesichts dieses Falls von Tierquälerei, der in dieser Weise einmalig ist. In den nächsten Tagen legte ich mich mit einem Fotoapparat auf die Lauer, und es gelangen mir tatsächlich einige Aufnahmen des Fuchses, der in einem guten Zustand war, etwas zerzaust, nach Aussage eines Tierarztes lag dies jedoch am Fellwechsel.


Versammlung nach gescheiterten Fangversuchen


In der Zwischenzeit hatten eine Bekannte und ich eine Lebendfalle vom Tierheim Botnang in meinem Garten aufgestellt und die Gerlinger Tierrechtsorganisation Peta eingeschaltet. Peta informierte wiederum das Ludwigsburger Tierheim, das uns fortan ebenfalls sehr unterstützte. Zudem telefonierten wir mit dem zuständigen Förster, der ein Auge zudrückte wegen der Lebendfallen. Es ist nämlich grundsätzlich verboten, Wildtiere zu fangen. Aber der Gesetzgeber konnte ja nicht ahnen, dass in Stuttgart ein Sadist lebt, der einem Fuchs eine Glocke um den Hals bindet.


Zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen von Peta und vom Ludwigsburger Tierheim übernachteten mehrmals in meinem Gartenhäuschen und bestückten die Falle jeden Tag mit Rind- und Hühnerfleisch, das ihnen von einem Supermarkt und dem Schnellrestaurant Kentucky Fried Chicken geschenkt wurde. Sie versuchten es auch mit Zwetschgenkuchen und verschiedenen Lockmitteln, wie sie Jäger verwenden. Ein engagierter Stuttgarter Tierarzt erklärte sich bereit, den Fuchs zu untersuchen - sobald er in die Falle gehen würde. Doch statt des Wildtiers saß morgens dreimal eine fauchende Hauskatze in der Falle, die den Köder genascht hatte. Einmal war auch ein Fuchs drin, aber einer ohne Glocke.


Von Anwohnern erfuhr ich, dass mein Fuchs schon lange im Gebiet Gaisburg/Wangen unterwegs war und sie häufig die Glocke läuten hörten. Meine Bekannte und ich hängten in der Gegend Plakate aus, gaben unsere Telefonnummern bekannt und luden zu einer Versammlung ein. Unser Ziel war es, unsere Nachbarn darauf hinzuweisen, dass nur in meinem Garten der Fuchs gefüttert werden sollte, damit er in die Lebendfalle tappt. Außerdem sollte jeder eine Art Tagebuch führen, wann er den Fuchs gesehen oder gehört hatte. Zu der Versammlung am 28. Juni beim Spielplatz in der Plettenbergstraße kamen etwa 30 Leute- viel mehr Menschen, als ich erwartet hatte.


Leider war auch der Jagdpächter dabei, ein sehr aggressiver Mann, der sich breitbeinig hinstellte, drauflosschwadronierte und die Anwohner mit seinem Geschwätz verunsicherte. Dieser ungebetene Gast erklärte, dass er den Fuchs "abknallen" werde, sobald er ihm vor die Flinte laufe. Wir informierten ihn darüber, dass sich die Angelegenheit bereits bei der Staatsanwaltschaft befinde, der Fuchs sich überwiegend in Wohngebieten aufhalte und von "abknallen" daher nicht die Rede sein dürfe. In den umliegenden Wäldern werden übrigens sehr viele Füchse abgeschossen, den Fuchs mit der Glocke erwischten die Jäger aber seltsamerweise nie.


Ein zweiter Fuchs mit Glocke taucht auf


Mein Fuchs wechselte ständig sein Revier. Mit dem Einverständnis der Polizei, die mittlerweile intensiv ermittelte, wurde die Falle in meinem Garten abgebaut und in Wangen aufgestellt. Dort kam der Fuchs jeden Abend ins Gewerbegebiet, ausgerechnet zur Zoohandlung "Fressnapf", und fraß einem Obdachlosen sogar aus der Hand. Der Mann informierte mehrfach die Hundestaffel der Polizei, doch immer wenn die Beamten vor Ort eintrafen, war der Fuchs bereits verschwunden. In den Sommerferien wurde der Fuchs häufig am Waldheim Marienburg gesichtet, wo er um die Mülltonnen schlich. Auch aus Ostheim gingen Meldungen bei mir ein.


Er ging in keine Falle. Ein Wildtierexperte erklärte mir, dass der Fuchs vermutlich bereits als Welpe von seinem Peiniger mit einer Lebendfalle gefangen worden sei. Deswegen hätten die Tierschützer keine Chance, ihm auf diese Weise die Glocke abzunehmen. Füchse sind bekanntlich schlau, die tappen nicht zweimal in eine Falle - selbst wenn die Köder noch so verlockend sind.


Nachdem alle Versuche mit Lebendfallen gescheitert waren, planten Peta und die Mitarbeiterinnen des Ludwigsburger Tierheims, den Fuchs mit einem Spezialnetz zu fangen. Das Netz sollte an einem Baum aufgehängt werden und sich zusammenziehen, wenn es der Fuchs berührt - so wie man es aus Dschungelfilmen kennt. Das Vorhaben scheiterte daran, dass sich der Fuchs an keinem dafür geeigneten Baum anfüttern ließ. Anfang Oktober gaben Peta und das Ludwigsburger Tierheim auf. Es wurde Winter, und ich hörte es immer wieder läuten. Jeden Tag stellte ich dem Fuchs Hundefutter in den Garten.

Dann erzählte mir ein Mann, dass er zwei Tiere gesehen habe: meinen Fuchs sowie einen jüngeren, der ebenfalls eine Glocke um den Hals trug. Eines Tages hörte mein Lebensgefährte im Garten das uns mittlerweile sehr vertraute Geläute gleichzeitig aus zwei Richtungen. Schließlich veröffentlichte die "Bild"-Zeitung Fotos von zwei unterschiedlichen Tieren - auch, wenn das Boulevardblatt seinen Lesern weismachen wollte, es sei ein und dasselbe "Bimmel-Füchsle". Welch dämliche Bezeichnung für ein missbrauchtes Wildtier!

Das gequälte Tier war ein Weibchen


Der vorerst letzte Akt dieser Tragödie spielte an Karfreitag. In meiner Nachbarschaft entdeckte ein Ehepaar meine Füchsin - ich weiß inzwischen, dass es ein weibliches Tier war - in seinem Garten. Auch diese Plettenberg-Anwohner sind Tierfreunde, sie haben zwei Hunde. Die Fähe hatte sich unterhalb ihrer Terrasse einen Bau gebuddelt. Der Mann zog sich einen Handschuh an, er wollte der Füchsin die Glocke abnehmen. Doch die Kette saß fest, das Tier bekam Panik und biss den Mann in den Handschuh. Daraufhin rief er die Polizei. Die Beamten wussten sich nicht anders zu helfen, als den Fuchs zu erschießen. Ein Gnadenschuss, eine Erlösung? Wahrscheinlich lautet die Antwort ja.


Auch ein Tierarzt hätte die Füchsin wohl nicht mehr retten können. Das pathologische Gutachten ergab, dass das Tier in einem gesundheitlich schlechten Zustand war. Die Metallkette um seinen Hals war in die Haut eingewachsen, die großflächige Wunde durch das ständige Scheuern stark geeitert. Die arme Füchsin muss monatelang höllische Schmerzen ertragen haben. Für mich ist es unfassbar, dass ein Mensch einem Mitgeschöpf so etwas antun kann.


Ich bin unendlich traurig. Gerne hätte ich der Füchsin geholfen, die so schlau allen Fallen aus dem Weg gegangen ist, die die Jäger an der Nase herumgeführt hat und trotz ihrer Verletzungen durch den harten Winter kam. Ich habe diese tapfere Kreatur tief ins Herz geschlossen und hätte ihr noch ein paar unbeschwerte Jahre gewünscht. Es ist durchaus möglich, dass im Stuttgarter Osten noch immer Füchse unterwegs sind, die eine schwere Glocke um den Hals tragen. Ich hoffe, dass der Tierquäler gefasst wird, der für diese Taten verantwortlich ist, und dass andere Tiere vor solchen Qualen geschützt werden. Deswegen habe ich diese Geschichte erzählt.


http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2460567_0_6717_-tierquaelerei-in-stuttgart-kampf-um-einen-fuchs-verloren.html


 
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